Was nach einer Workation passiert

Stell dir mal folgendes Szenario vor: du bist auf dem Weg zu einer Workation mit vollkommen fremden Menschen. Du weisst nicht genau was dich erwartet, nur dass es sehr interessant wird. Du packst deine Sachen, machst dich auf den Weg zum Flughafen. Dir begegnen auf dem Weg hunderte Menschen, die selbst auf reisen sind. Manche sind positiv gestimmt, manche eher gestresst. Du holst dein Ticket vom Schalter, gehst durch den Security Check und wartest dann am Gate auf deinen Flug. Manche der Menschen um dich herum arbeiten, manche unterhalten sich oder lesen Zeitung. Aber alle warten wie du auf den selben Flieger. Nach Ankunft an deinem Reiseziel holst du dir einen Mietwagen und wartest auf ein paar andere Menschen, die gemeinsam mit dir in den Urlaub fahren, keinen davon kennst du von vorher. Es wird eine lustige Fahrt, die Finca ist traumhaft und alle sind entspannt und fröhlich. Die Geschichten, die jeder zu erzählen hat sind interessant und machen Neugier auf mehr. Du bemerkst wieviel ihr gemeinsam habt in eurer Denkweise und wie sehr sich das zugleich vom restlichen Umfeld deines Alltags unterscheidet. Du fühlst dich verstanden und angenommen, mehr als je zuvor. Du verweilst für einige Tage in dieser Stimmung, um dann zu neuen Taten aufzubrechen. Auch die kommenden Tage sind noch voller Input. Aber eines ging dir verloren: deine eigene Routine, die Haftung unter dem Boden. Dir ist das noch nicht bewusst, aber dein Unterbewusstsein signalisiert es dir. Und so kommt es, dass du so fest an deinem Sitz haftest, dass du den Flieger nach Hause verpasst.

Stell dir vor, dass das nun nicht deine äußeren Erlebnisse sind, sondern deine Gedanken. Dass du in unterschiedlichen Räumen unterwegs bist, die Menschen die dir begegnen wie Gedanken sind, die zu dir kommen und auch wieder weiterziehen. Dass sich deine Gedanken wie Knotenpunkte an bestimmten Orten sammeln, um danach wieder in ihre eigene Richtung zu gehen. Und dass du jederzeit selbst entscheiden kannst welchen Menschen bzw. Gedanken zu folgen willst.  Stell dir vor, dass sich solche Gedanken manchmal auch verstricken und falsche Wege gehen. Oder sich verhaken und einfach stehen bleiben, obwohl der Flieger bzw. die Zeit deines Lebens weiterzieht. Sie bleiben nicht stehen, sie warten nicht auf dich, nur weil du irgendwo einen Knoten im Kopf hast. Stell dir vor, dass sich diese Knoten auch schnell wieder lösen, wenn du mit den richtigen Leuten unterwegs bist, Menschen die die auf deiner Welle surfen und die hier und da schon einen Schritt weiter sind aus du. Gedanken und Menschen, die dich weiterbringen. Und genau das passiert auf einer Workation.

Mir kam diese Analogie in einer grotesken Situation, die ich für mich selbst bis dato nie für möglich gehalten hatte. Sie passierte mir vergangene Woche. Ich saß nach 10 Tagen voller Arbeit und Urlaub am Gate, um meinen Flieger nach Hause zu nehmen. Ich war frühzeitig da. Und ich verpasste den Flug trotzdem, weil ich so in Gedanken um ein neues Projekt war, dass ich Zeit und Raum komplett ausgeblendet hatte. Dabei möchte ich betonen, dass ich seit Wochen keinen Tropfen Alkohol zu mir genommen habe.  Aber ich war so im Verarbeitungsprozess des Erlebten und in Gedanken darüber was als nächstes kommt, dass ich absolut nicht mehr mitbekam was um mich herum passierte. Ich musste lachen und war irritiert zugleich: Hätte das nicht einfach erst IM Flieger passieren können? 

Vielleicht bist auch du so ein Mensch, dem manchmal die Puste ausgeht und der sich dann in Gedanken oder Gesprächen verliert. Der eher ein Projekt zu viel auf dem Schreibtisch hat als zu wenige Ideen. Und dem der Fokus auf den Moment manchmal flöten geht, genauso wie mir. Vielleicht liegt es daran, dass wir immer auf der Suche nach einem besseren Leben sind, mehr wollen als unser Umfeld oder sich unser Ego mal wieder hervortun will. Oder daran, dass wir vergangene Erlebnisse noch nicht verarbeitet haben.

Was hätte ich also in den vergangenen Tagen anders machen können, um den Flieger nach Hause nicht zu verpassen? 

  • Ich hätte mich vorab noch mehr in Meditation üben können, das hatte ich tatsächlich etwas vernachlässigt. 
  • Zudem hätte ich mehr des Erlebten aufschreiben können. 
  • Und vor allem hätte ich einfach mal mindestens 2,5 Liter Wasser am Tag trinken sollen, verdammte Axt. So absurd das klingt, aber oft passieren einem die senilsten Sachen nur, weil man ernährungstechnisch unterversorgt ist. 

Hätte ich dann den Flieger bekommen? Wahrscheinlich schon. Aber auch dann wäre ich danach erstmal in eine tiefe Meditation gefallen, in der ich die zahlreichen neuen Eindrücke für mich sortieren konnte. Auch dann hätte ich Ruhe und Alleinsein gebraucht. Für mich war diese Workation damit eine Art innerer Wachstumsschub, den man so eher von Kindern und Teenagern kennt. Und er war ein Beweis für mich, dass der Mensch sein Leben lang im Stande ist an sich selbst zu wachsen, trotz Fehlern und Umwegen. Dass er dafür aber das richtige Umfeld braucht, Ruhe und Entspannung, sowie die richtigen Gedanken und das entsprechende mentale Werkzeug. Und dass das leider nicht beim Warten in einer Schlange von EasyJet passieren kann ;).

Ich freue mich auf eine Zukunft, in der immer mehr automatisiert wird und in welcher Standardaufgaben von Maschinen übernommen werden. Genau das ist es, was uns Menschen den Raum geben wird, um auf kreative Weise und in aller Ruhe an uns selbst zu wachsen, friedlich und harmonisch über alte Themen hinwegzukommen und etwas zu erschaffen was wir uns heute noch nicht vorstellen können. Ich freue mich auf all diese Veränderungen. Und ich hoffe, dass ich diese Zeit nicht verpasse.

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