Was wir lernen durch Schmerz

Als ich gestern beim Yoga war, haben wir sehr lange Asanas gemacht. Will heißen, dass wir die Positionen selbst ziemlich lange hielten. Wenn ich alleine übe, gehe ich (viel zu) selten in den Schmerz, gestern jedoch musste ich an manchen Stellen mit mir kämpfen. Ich bin hier und da tatsächlich an meine Grenzen gegangen, obwohl die Übungen von außen absolut banal wirken. Man sollte dazu sagen, dass wir Kundalini Yoga gemacht haben, also eine Richtung, in der Energien erweckt werden sollen. 

Während ich so in meinen Asanas hing, ein wenig leidend, ein wenig amüsiert, dachte ich über den Sinn und Zweck von Schmerzen nach. Was habe ich denn von der Situation, was kann ich denn lernen durch diesen Schmerz? Ich fühlte mich in der Situation selbst etwas unwohl, konnte kaum erwarten bis es weiterging. Und doch war ich meiner Ausbilderin am Ende der Stunde dankbar für die neu gewonnen Erkenntnisse und das enorm gute Gefühl voller Energie zu sein, das auch am Tag danach noch anhält. 

Was kann Schmerz also bezwecken?

Geduld lernen

Ich meine damit natürlich keinen lebensgefährdenden Schmerz, und ich will hier auch niemanden auffordern das alleine zu üben. Es ist eher ein Gefühl des Unwohlseins, des „wann ist es endlich vorbei?“-Denkens. Es zieht überall, man dehnt sich, der Kopf wird schwer, die Gedanken kreisen und überhaupt fragt man sich, was man hier eigentlich macht. Erst zum Ende hin erkennt man den Sinn und Zweck der Übungen. Nach einer Weile geht es vorbei, bzw lernt man die Asanas trotz des Unwohlseins zu genießen. Oder man zieht die Grenzen wieder neu, nur um sich wieder in diese Situation begeben zu können.

An seine Grenzen gehen

Für mich ist es diese Art von Schmerz, mit der ich an meine Grenzen komme und übe, diese Grenzen zu weiten und zu überwinden. Dazu gehört auch, dass ich mir des Schmerzes bewusst bin, dass ich ihn nicht ignoriere, sondern annehme und lerne in ihm zu verweilen. Ohne ein wenig Schmerz ist aus meiner Sicht auch kein Wachstum (welcher Art auch immer) möglich. Es ist mit der Komfortzone vergleichbar, aus der man sich heraus begibt: Irgendwie ungewohnt, irgendwie neu, irgendwie beängstigend und am Ende doch ziemlich geil, dass man es gemacht hat. Dazu gehört zugleich auch ein klarer Geist und ein gutes Bewusstsein für seinen eigenen Körper und seine eigenen Fähigkeiten. Ego hat hier absolut nichts zu suchen, im Gegenteil erhöht es nur die Verletzungsgefahr. 

Schmerz weist dich auf etwas hin hin

Schmerz, ich meine damit sowohl physischen als auch psychischen, erinnert dich daran, dass etwas los ist. Sei es, dass du Fehler machst, sich etwas verändert oder du etwas wahrnimmst, was du bisher nicht gesehen hast. Wenn du ihn ignorierst, machst du weiter wie bisher. Statt dich zu korrigieren läufst du in eine selbstverletzende Richtung. Halte statt dessen inne, beobachte deinen Schmerz und deine Situation. Verharre erstmal in einem Punkt des Unwohlseins. Von diesem Punkt aus fragst du dich, was du tun kannst, damit sich dein Schmerz löst. Reicht es geduldig zu sein, und mehrmals tief ein- und auszuatmen? Kannst du dich durch positives Denken aus der Situation lösen?  Wenn, nicht, was gilt es dann zu ändern? Meistens sind es kleine Dinge, manchmal stehst du auch nicht auf dem richtigen Fundament. Dann gilt es etwas zu ändern. Indem du in den Schmerz gehst, gibst du dir selbst die Chance besser zu werden. Lerne dich trotz des Schmerzes wohl zu fühlen, denn das Ergebnis wird es wert sein. In den meisten Fällen reicht es tatsächlich zu warten und nach einer Weile bist du an diesem Schmerz gewachsen. Du kannst dann wieder einen Schritt weitergehen, dich wieder ins Unwohlsein begeben. 

Schmerz ist Teil des großen Ganzen

Es ist ein konstanter Kreislauf: du machst ein paar Schritte nach vorne, bis es ziept und schmerzt, um dann zu verharren, die (inneren) Knoten zu lösen. Eventuell gehst du auch nochmal einen Schritt zurück. Dieser Schritt zurück ist kein Scheitern. Er dient dir zu lernen, er dient dir zu analysieren, was nicht richtig gelaufen ist. Und er dient dir gestärkt den nächsten Schritt zu machen, wenn du bereit bist. Lass dir dabei auch helfen, von Menschen, in deren Richtung du gehen willst. Mach nicht alles alleine. An manchen Stellen wirst du dadurch in deine Grenzen gewiesen werden, an anderen noch weiter aus ihnen herausgezogen. 

Ja all das ist Yoga. Es ist eine Lebensphilosophie. Man kann diese Denkweise auf jeden alltäglichen Schritt, den man tut, beziehen. Man kann es aber auch im großen Ganzen betrachten:  Sobald du anfängst Schmerzen und „Fehler“als etwas positives zu betrachten, als etwas das Teil des Lebens ist, und als Potential zu Wachstum, gibt es dir positive Energie. 

In der Tiefe der Asanas fragte mich auch, ob man sich mit zunehmendem Alter öfter so fühlen wird. Wenn der eigene Motor nicht mehr wie geschmiert von selbst läuft, man nachjustieren muss. Ich fragte mich, ob ich bei kleinen Tätigkeiten dann schon so ein unangenehmes Ziepen spüren werde wie bei der Asana jetzt. Die Antwort, die ich mir selbst gab war, dass es darauf ankommt wie viel ich zuvor in meinem Leben geübt habe. Wenn ich regelmäßig übe und fit bleibe, wird mir der Schmerz im Alter vielleicht nicht ganz erspart bleiben. Doch ich werde besser damit umgehen lernen und ich werde ihn als etwas positives wahrnehmen können, das mich noch ein Stück weiter bringt. 

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