Immer schneller, immer weiter, immer mehr. Erfolg als Maßstab aller Dinge. Und dann kommt alles ganz anders als erwartet. Ich spreche nicht von Corona und ich spreche auch nicht über 2020. Meine Geschichte beginnt schon vor genau 5 Jahren, als ich Mitte 20 war und gerade einen massiven Burn-Out erfahren hatte. Ich war bei meinem Onkel und seiner Familie untergebracht, weil ich einige Monate lang nicht mehr in der Lage war, mich um mich selbst zu kümmern. Es war der Beginn einer enormen Persönlichkeitsveränderung, die bis zum heutigen Tag andauert. Und es war das erste Mal, dass ich merkte wie ich selbst an meine körperlichen und geistigen Grenzen gekommen war. 

Zum Verständnis: ich war 2015 in den letzten Zügen meiner Bachelorarbeit, bereitete mich bereits auf einen mehrmonatigen sozialen Einsatz in einem Waisenhaus für gehörlose Kinder in Kamerun vor und bewarb mich zugleich auf einen Masterplatz für den kommenden Herbst. Parallel dazu verarbeitete ich eine kurz zuvor beendete Beziehung, arbeitete halbtags im Büro eines Energiekonzerns, unterzog mich ohne jegliche Vorbereitung einem 28km Lauf mit Flussdurchquerung bei Minusgraden und zu guter Letzt merkte ich auch noch so nebenbei, dass mein Leben eigentlich so komplett in die falschen Bahnen geraten war. Der Tropfen, der das Fass zum überlaufen brachte war dann ein Gerichtsprozess, zu dem ich als Zeugin geladen war. Ein ehemaliger Chef entpuppte sich als pädophiler Vergewaltiger. Ich war irgendwann körperlich und geistig so angegriffen, dass gar nichts mehr ging. Kompletter Shut-Down. Niente ging mehr. Nada konnte ich machen. Rien ne va plus.

Über Umwege landete also bei einer Ärztin, die mir strengste Ruhe anordnete. Alles was ich noch durfte war ab und zu raus an die frische Luft zu gehen und ansonsten solle ich doch bitte die Füsse still halten, nur Yoga und Meditation seien ok. Es war das erste Mal in meinem Leben, dass ich „schwach“ war und ich kam mir vor wie eine krasse Versagerin (was im Rückblick vollkommen bescheuert ist). Mein Ehrgeiz war weiterhin so gross, alles schaffen zu wollen und nun sollte ich genau das Gegenteil von dem tun wozu ich mich programmiert hatte? Wie sollte das denn gehen? Wann es wirklich weiterginge sei auch noch davon abhängig wie lange ich vorab ruhig geblieben war. Erholung sei nun das A und O. Es war eine innerliche Tortur für mich als Workaholic.

Kommt dir letzteres irgendwie bekannt vor? In genau dieser Situation steckt Deutschland gerade, nein eigentlich die ganze Welt. Die meisten Pläne von vor einigen Wochen haben nun keine Bedeutung mehr. Alles was zählt ist, dass wir uns als Menschheit erholen und stärken. Wie lange es dauert ist ebenfalls ungewiss. Und wir haben diese Situation selbst geschaffen, auch wenn wir nichts für deren Auslöser können. Weil wir nicht schon früher auf unser Alarmsystem gehört haben und weil wirtschaftliche und gesellschaftliche Themen Priorität vor unserer Gesundheit hatten. Weil wir uns die Freiheit nicht nehmen lassen wollten und weil viele von uns die Lage unterschätzt haben, inklusive mir. Und ja jeder von uns tut nun sein Bestes dazu, um gemeinsam zu heilen, auf Anordnung von Angie und ihren medizinischen Experten.

Was ich als einzelner Mensch vor 5 Jahren erleben durfte wiederholt sich für mich nun in der Gemeinschaft. Und ich sehe, wie wir gerade dabei sind an uns selbst zu wachsen. Es ist verbunden mit viel Angst und einem gewissen Wachstumsschmerz. Und doch liegt so viel Gutes darin. 

Daher erlaube ich mir ein paar Worte dazu zu sagen. Denn ich meine aus meiner Geschichte etwas gelernt zu haben und das kann nun anderen hilfreich sein.

1. Es gibt für alles einen Grund und dieser ist nicht immer sofort ersichtlich. Die Welt will uns mit dieser Corona-Aktion etwas sagen, davon bin ich absolut überzeugt. Das meine ich auch nicht als esoterischen Hickhack, sondern als klare Ansage ihrerseits. Was genau, das gilt es zu ergründen, sowohl als Individuum als auch als Gemeinschaft. Es gibt viele Themen, die das betreffen kann. Sei es, dass wir uns überlegen sollen wie wir in Zukunft Leben und Arbeiten wollen. Oder, dass viele unserer Ressourcen bereits ausgeschöpft sind und wir zugleich in der Lage sind Neue zu finden. Vielleicht will sie uns auch sagen, dass es keinen Sinn macht immer mehr zu arbeiten, wenn unser Warum dahinter verloren gegangen ist. Vielleicht sollen wir nun neue Lösungen für alte Probleme finden oder alte Lösungen auf neue Probleme anwenden. Vielleicht will sie uns zeigen, welches (kreative) Potential noch tief in uns schlummert, welches wir vor lauter Alltag nicht sehen wollten oder konnten. Was es auch ist, es hat einen Grund, dass wir in dieser Situation sind. Und dessen “Pudels Kern” wird immer wieder kommen, bis wir ihn auflösen konnten.

2. Der Mensch ist zäh und lernfähig. 2015 war ich echt am Ende, ich dachte zu diesem Zeitpunkt wirklich, dass mein Leben so wie ich es gelebt hatte, vorbei sei und dass ich nie wieder auf eigenen Beinen stehen werden kann. Und doch dauerte es nur ein paar Monate und ich beendete mein Studium mit einer sehr guten Note, begann ein weiteres und bin heute (auch beruflich) selbstständig und fitter denn je. Ich habe aus den Fehlern, die ich zuvor gemacht hatte gelernt und mir neue Systeme aufgebaut. Diese passten besser zu mir, als jene die ich bis dato einprogrammiert bekommen hatte. Tatsächlich war mein altes Leben vorbei und ein Neues begann. Das ging nicht von heute auf morgen, es dauerte eine ganze Zeit und war ebenfalls mit viel Wachstumsschmerz verbunden. Aber ich hätte nie gedacht, aus welchen Tiefpunkten sich mein Geist und Körper herausholen kann, wenn er nur darauf fokussiert ist, sich selbst zu heilen. Die Angst, die gerade im Raum steht ähnelt jener die ich damals empfunden habe. Je früher wir sie durchdringen und wieder klar sehen, desto schneller werden sich uns auch neue Chancen auftun. Es geht nicht darum, dieses Thema zu verdrängen, sondern sich so intensiv damit auseinander zu setzten und Lösungen zu finden, bis es uns Nichts mehr anhaben kann.

3. Medien nicht zu kommunizieren kann psychisch gesund halten. 2015 war das Jahr der Flüchtlinge. Damit gingen sehr viele Schlagzeilen einher, Vorurteile, Ängste, aber auch Chancen. Ich bekam davon kaum etwas mit, ich war total im Delirium. Ob es mir langfristig geschadet hat? Absolut nicht. Mir fehlten unfassbar viele Informationen, ich konnte überhaupt nicht mitreden. Aber letztendlich war ich froh meine Energie damit nicht aufgezehrt zu haben. Ich will damit nicht zur vollständigen Ignoranz aufrufen, aber zu Achtsamkeit mit den eigenen Ressourcen. Nicht jede Information ist wirklich relevant, nicht jedes Detail ist für das eigene Leben von Bedeutung. Selektive Ignoranz kann auch ein ziemlicher Booster sein. Egal ob man sich gerade in einem heilsamen oder kreativen Prozess befindet. Es kann gesund sein, sich von Medien fernzuhalten. Einmal am Tag schauen was der Stand der Dinge ist reicht, um den Blick auf die Dinge zu haben, statt sich von allen möglichen Meinungen, Sichtweisen, Gerüchten und Halbwahrheiten verrückt machen zu lassen.

4. Kontrolle loslassen und in die Ungewissheit gehen erweitert das eigene Handlungsspektrum. Wenn man Tag für Tag lebt und nicht weiss wie die Dinge weitergehen, dann beginnt man von Irrelevantem loszulassen und sich auf die wirklich wichtigen Dinge zu besinnen. Man spielt neue Langfrist-Szenarien durch, spinnt Ideen und träumt sich in die Zukunft. Das kann eine unfassbare Magie und Energie mit sich bringen und eine Klarsicht schaffen, zu der man vorher nicht in der Lage gewesen wäre. Gerade für jene von uns, denen Loslassen schwerfällt, können diese Wochen eine gute Übung sein, die langfristig grosse Früchte tragen kann. 

5. Liebe ist die Lösung. Raus aus der Angst, rein in die Dankbarkeit und Liebe. So simpel ist es. Denn dann eröffnet sich ein ganz neuer Handlungsspielraum, man agiert nun und reagiert nicht mehr nur. Man kommt aus aus der Paralyse heraus und rein in die Analyse und Aktion. Es klingt abgedroschen und ein bisschen kitschig, richtig rosa-bubble-mässig. Aber es funktioniert. Wie warum und wieso? Keine Ahnung um ehrlich zu sein, frag das Universum oder Mutter Natur. Aber es funktioniert.  

Soll es danach so weitergehen wie zuvor? Nein, bitte nicht. Ich hoffe inständig, dass wir diese Zeit der Ruhe und Einkehr dazu nutzen, um neue Wege zu finden, um uns zu stärken und zugleich gelassener zu werden. Um der Natur Luft und Raum zu geben. Keiner von uns hat so etwas je erlebt und wir werden danach eine Welt und Blickwinkel wiederfinden, die in vielen Dingen anders sein werden als wir sie gewohnt sind. Sie wird eine bessere sein, davon bin ich überzeugt. Auch wenn es eine Weile dauern wird, bis wir das alle verstanden haben. Wenn wir jedoch danach in die alte Routine zurückkehren, als ob nichts gewesen wäre, wird uns das nächste Virus, oder was es auch sonst sein mag, noch stärker herausfordern. Bis wir es kapiert haben. Das ist dann Karma. 

In diesem Sinne wünsche ich all jenen, die diesen Text bis zum Ende gelesen haben eine sehr schöne Zeit der Einkehr, kreativen Ergüsse und Gesundheit.

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