Sei bitte nicht du selbst

Überall hört und liest man davon“Sei du selbst, versuch dich nicht zu verstellen, mach was du willst und folge deinem Herzen“. Klingt wunderbar, zum wohlfühlen, „endlich akzeptiert, Danke!” denkt man. Und dementsprechend eignet er sich auch wunderbar für die Werbeindustrie.

So schön ich diesen Gedanken finde, so sehr langweilt er mich mittlerweile auch. Er ist so omnipräsent geworden und ist aus meiner Sicht eine Tautologie: immer wahr, immer gültig und damit nichts sagend. Klar wäre es kontraproduktiv etwas zu sagen wie „sei so, verstell dich und mach auf keinen Fall was du willst“. Aber ganz ganz ehrlich: wer hat letzteres nicht schon einmal getan, um ein Ziel zu erreichen? Wer hat nicht schonmal einfach die Klappe gehalten, statt „man selbst zu sein“ und laut los zu brüllen? Wer hat nicht schonmal eine Rolle gespielt, sei es auf der Bank um einen Kredit zu bekommen oder bei einem Vorstellungsgespräch?

….wenn das eine Rechtfertigung für alles ist.

„Sei du selbst“ ist für mich auch eine Entschuldigung dafür geworden sich komplett daneben zu benehmen.  Und ja ich weiss, dass ich damit nun einigen Menschen auf die Füße trete, insbesondere jenen, die lange dafür „gekämpft“ haben, dass bestimmte Minderheiten gestärkt werden. Darauf ziele ich auch nicht ab. Was ich meine ist folgendes: „Sei du selbst“ zählt nicht, wenn ich denke, dass mein wahres Ich einer Figur aus einem Ballerspiel gleicht. „Sei du selbst“ zählt nicht, wenn ich für mich selbst nicht die Verantwortung übernehmen kann oder andere bewusst manipuliere, „sei du selbst“ zählt nicht, wenn ich Schulden habe und gleichzeitig kaufsüchtig bin. „Just be yourself“ wird hier zur Parodie.

Was mir deutlich besser gefällt ist der Gedanke des „Higher Self“, der in Deutschland insbesondere durch Laura Seiler populär wurde und der auch insgesamt durch die Yogabewegung verbreitet wird.  Es ist genauso catchy und doch an ein gewisses Ziel gebunden: Daran, sich nicht mehr von Kleinigkeiten aus der Ruhe bringen zu lassen und seinen wahren Kern zu erkennen. Dementsprechend passt es wie ich finde besser jemand zu werden, als zu sein. 

Wer sind wir denn, wenn wir jemand werden?

Nun, wenn wir also nie wirklich sind, sondern immer werden? Wie entscheiden wir dann über diesen Weg? 

1. Selbstanalyse: 

Wir selbst entscheiden wer wir sind, wer wir werden und was wir dafür bereit sind zu tun. Es ist nicht ganz so einfach zu erkennen wer wir sind, wenn wir tief in uns graben, als wenn wir einfach an der Oberfläche bleiben. Es ist einfacher zu behaupten so und so zu sein und das als Rechtfertigung für alles zu nehmen was passiert. Sich mit sich selbst zu beschäftigen kostet Energie, ist manchmal unangenehm und doch führt einfach kein Weg daran vorbei. Abgesehen davon, dass das Ergebnis die Mühe definitiv wert ist. Nur wer zur tiefgehenden Selbstanalyse fähig ist, kann eigentlich auch erst erkennen, wer sie oder er ist und werden will. 

Wie gelingt uns eine solche Selbstanalyse? Du ahnst es wahrscheinlich schon was nun kommt: aus meiner Erfahrung durch Yoga und Meditation, durch Aufschreiben und durch Ausprobieren. Andere Menschen haben andere Wege und das ist eben meiner.

2. Vorbilder

Ich meine damit nicht, dass du das Double von irgendeinem Promi wirst, im Gegenteil. Aber es kann hilfreich sein, sich an Menschen zu halten die den Weg, den du gehen willst, schon gegangen sind. Analysiere also nicht nur dich selbst und deine aktuelle Situation. Sondern frage dich auch, was andere Menschen getan haben um dorthin zu kommen wo du sein willst. Schau dir dazu verschiedene Menschen an und picke dir das heraus, was du für dich umsetzen willst. 

3. Ziele

Nun weißt du, wo du stehst und wohin du willst. Du hast deinen Grund, deinen Kern, deine Basis, dein Warum oder wie auch immer du es nennen willst, gefunden. Nun gilt es eigentlich „nur noch“ daran fest zu halten. Das gelingt dir, indem du dir klare Ziele setzt. Wohin soll deine Reise gehen und welche konkreten Schritte gehst du nun dafür? Indem du sie gehst, wirst du eigentlich schon zu der Person, die du sein willst. 

Warum ich nie “ich selbst” sein will

Nun haben wir uns also mit uns selbst, unseren Vorbildern und  Zielen auseinandergesetzt und sind den Weg auch gegangen, den wir uns zuvor selbst gezeichnet haben. Aber ob wir dann wirklich wir selbst waren? Also so in echt?

Finde ich nicht.

Weil etwas “zu sein” eine statische Denkweise ist, aus der ich mich lösen will. Wenn man sich darum bemüht weiter zu kommen, in seinem Tempo und auf seine Art, ist man nie der Mensch, der man zuvor war. Man ist als Person gewachsen, der Horizont hat sich geweitet und das Spektrum an Möglichkeiten, die sich ergeben, ebenfalls. 

In diesem Sinne will ich persönlich also absolut nicht „ich selbst“ sein. Es wäre mir zu langweilig, zu starr und borniert. Und ich will mir auch keine Rollenmuster vorgeben lassen, nicht mal von mir selbst. Ein kleiner Geist würde dies oberflächlich als wankelmütig bezeichnen, man wäre eine Person, die nicht weiß was sie will. Andere wiederum würden den Prozess erkennen, wertschätzen und sich an der Veränderung erfreuen. 

Alles ist im Fluss, nichts ist starr. Auch nicht deine Persönlichkeit.

Also nimm an, dass du dich dein Leben lang in diesem hoffentlich nach „Höherem“ strebenden Prozess befinden wirst, mit Höhen und Tiefen. Es gibt da wohl auch keine wirkliche Abkürzung, und vor allem keine „sei du selbst“-Limitierung. Aber es gibt gute Bücher, Blogs, Podcasts und Werkzeuge wie beispielsweise ein Tagebuch zu schreiben, oder Morgenseiten. Am Wichtigsten ist aus meiner Sicht jedoch die Stille und das zur Ruhe kommen des Geistes. Und das ist reine Übungssache. Om.

Tja….Oder….. du gibst einfach einen Pu** auf diesen Text, bist einfach du selbst, machst was du willst und folgst deinem Herzen. Dann wünsche ich dir genauso viel Glück.

 

Achso ja…..auch schön dazu passt übrigens die Biografie von Michelle Obama, Becoming*.

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