Ich möchte heute ein paar Gedanken zum Thema Unabhängigkeit äußern und warum ich glaube, dass dieser Begriff mitlerweile überholt ist. Ich habe mich dabei von 2 Buchabschnitten inspirieren lassen, einmal vom Buch von Stephen R.Covey „Die 7 Wege zur Effektivität“ sowie „Thinking in Systems“ von Donella H. Meadows.

Für mich war der Begriff der Unabhängigkeit schon früh sehr verführerisch. Wenn ich mir vorstellte wie ich mein Leben leben möchte kam immer zuerst die Idee der absoluten Freiheit in den Sinn. Es lädt so sehr zum Träumen ein und man bringt damit auch schnell Menschen auf seine Seite. Der Begriff der Freiheit selbst ist schon von vielen schlauen Leuten auseinandergenommen worden und irgendwie versteht jeder darunter auch etwas anderes. Die einen träumen von viel Geld ohne Arbeit, die anderen von einer Art spirituellen Erlösung und wieder andere meinen damit eigentlich nur Sicherheit und Verantwortungslosigkeit für sich selbst, nicht aber für andere. Dementsprechend kann man auch den Begriff als sehr dehnbar verstehen , genauso wie auch die Idee der Unabhängigkeit. Wobei letzterer stets eine Abgrenzung zur Abhängigkeit darstellt. Man selbst ist nicht frei, weil man von anderen Menschen oder Dingen abhängig ist. Ist man unabhängig, ist man automatisch frei. Je nachdem auf welche Personengruppe wir uns nun beziehen hat diese Abgrenzung zahlreiche gesellschaftlichen Entwicklungen der vergangenen 2-3 Jahrhunderte geprägt und diese ist in den meisten Regionen der Welt auch noch nicht abgeschlossen.

Wie komme ich nun also darauf, dass der Begriff der Unabhängigkeit für unsere Gesellschaft, vor allem in Europa und anderen westlichen Ländern, überholt ist? Gerade jetzt noch, wo Frauen um Lohngleichheit kämpfen, Behinderte mehr Rechte einfordern und alle auf den bösen weißen Männern rumhacken? Nun… ich denke, dass wir schon soweit sind, es uns erlauben zu können, über die bloßen Wünsche nach Unabhängigkeit und vermeintlicher Freiheit hinauszudenken.

Mein Gedankengang ist der Folgende:

In einer Welt, die keinen dauerhaft festen Hierarchien mehr unterworfen ist, macht Unabhängigkeit keinen Sinn mehr. Wir arbeiten nicht mehr unser Leben lang in einem Unternehmen, viele haben auch nicht den einen Lebenspartner und auch Staatsangehörigkeiten bzw. Wohnsitze lassen sich im Zweifel ändern. Wir sind schon so frei und unabhängig wie nie zu vor. Die meisten Grenzen befinden sich wirklich nur noch in unseren Köpfen oder sind systembedingt. Und auch (gesellschaftliche) Systeme lassen sich ändern oder man entflieht ihnen eben. Der Wunsch nach Unabhängigkeit führt letztendlich in die Isolation. Ich kenne so viele Menschen, die vermeintlich unabhängig sind, die niemanden brauchen um ihr Leben zu leben und doch irgendwie alleine sind. Es sind jene Menschen die das Mindset haben, dass es an der „Spitze“ einsam wird.

Doch letztendlich sind wir, ob wir wollen oder nicht, miteinander verbunden. Wir brauchen direkt oder indirekt andere Menschen, sei es um etwas Großes in die Gänge zu bekommen oder auch einfach um uns wohl zu fühlen. Kein Mensch kann wie eine Amöbe autark vor sich hinvegetieren. Und daher fällt mir der Begriff der Unabhängigkeit schwer.

Stephen Covey erwähnt in seinem Buch den Begriff der Interdependenz. Damit beschreibt er einen Zustand, in welchem man sich mit seinen Mitmenschen auf Augenhöhe befindet. Man ist verbunden, zwar nicht abhängig von einander, aber auch nicht unabhängig, denn man braucht sich ja doch.

Was wäre also, wenn beispielsweise Frauen nicht mehr nur stur auf ihre Unabhängigkeit beharren, sondern den Fokus auf Interdependenz richten? Wenn es nicht mehr darum geht „die einzige an der Spitze zu sein“, sondern sich dort ein ganzes Kuddelmuddel an sich ergänzenden Individuen befindet? Was wäre, wenn es nicht mehr nur um das eigene Bestreben nach individueller Freiheit (auch auf Kosten anderer) ginge, sondern nach Lösungen gesucht werden, die dem gesamten System (inklusive Umwelt, Tieren, Kindern, o.ä.) zu Gute kommen?

Ich könnte mir vorstellen, dass wir mit einem solchen Mindset deutlich weiter kämen als Gesellschaft und auch als Individuen. Wenn wir versuchen über gesellschaftlich gesetzte Grenzen der Abgrenzung wie blue collar vs white collar, Frau vs Mann, jung vs alt, Tier vs Mensch, usw. hinwegzukommen?

Dann wären wir nicht nur als Individuen freier, sondern als Gemeinschaft. Wir wären deutlich flexibler bei Veränderungen und kämen endlich mal aus diesem unnötigen Kampf- und Strampelmodus raus.

Statt nach isolierender Unabhängigkeit zu streben können wir also einfach gleich eine Evolutionsstufe überspringen und direkt in die Interdependenz kommen. Einer Welt, in der Hierarchien keine Rolle spielen, die nicht mehr linear, sondern non-linear verläuft und die viel besser ins 21te Jahrhundert passt als die alte Denkweise. Love and Peace ✌️

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