Stufen

Wie jede Blüte welkt und jede Jugend
Dem Alter weicht, blüht jede Lebensstufe,
Blüht jede Weisheit auch und jede Tugend
Zu ihrer Zeit und darf nicht ewig dauern.
Es muß das Herz bei jedem Lebensrufe
Bereit zum Abschied sein und Neubeginne,
Um sich in Tapferkeit und ohne Trauern
In andre, neue Bindungen zu geben.
Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne,
Der uns beschützt und der uns hilft, zu leben.

Wir sollen heiter Raum um Raum durchschreiten,
An keinem wie an einer Heimat hängen,
Der Weltgeist will nicht fesseln uns und engen,
Er will uns Stuf´ um Stufe heben, weiten.
Kaum sind wir heimisch einem Lebenskreise
Und traulich eingewohnt, so droht Erschlaffen;
Nur wer bereit zu Aufbruch ist und Reise,
Mag lähmender Gewöhnung sich entraffen.

Es wird vielleicht auch noch die Todesstunde
Uns neuen Räumen jung entgegen senden,
Des Lebens Ruf an uns wird niemals enden,
Wohlan denn, Herz, nimm Abschied und gesunde!

Hermann Hesse

Du sollst träumen!

Ich zäume gerade ein paar Pferde von Hinten auf.  Dazu stelle ich mir vor, wie mein Leben aussehen wird wenn ich 30, 40, 50 und 60 Jahre alt bin, weiter noch nicht, das kommt aber auch bald. Dabei knüpfe ich an meinen persönlichen Werten an, die da lauten Freiheit, Unabhängigkeit und Freude am Moment. Es ist spannend was mit meinem eigenen Handeln passiert ist, seitdem ich mir diese Orientierungspunkte gegeben habe. Im Kern ändere ich mich nicht, aber meine Ziele und Perspektiven, leiten sich implizit aus den oben genannten „Meilensteinen“ und Werten ab. Und ich erlaube mir viel mehr zu träumen.

Was mich dabei an mir selbst überrascht ist meine vollkommene Überzeugung davon, dass ich 100 Jahre alt werde. Ich achte so sehr auf meine Gesundheit, meine Fähigkeiten, mein Vermögen und mein Wohlbefinden, dass es aus meiner Sicht gar nicht anders werden kann.

Was ist nun konkret passiert, seitdem ich mir diese Deadline (man beachte die Wortwörtlichkeit!) gezogen habe?

  • Ich habe angefangen mich mit meinem Vermögensaufbau zu beschäftigen. Ich weiss, dass ich ab einem bestimmten Zeitpunkt nicht mehr arbeiten will, bzw es nicht mehr tun muss. Dementsprechend klar ist mir, was ich monatlich dazu beitragen muss.
  • Weil ich weiss, dass es mit dem Alter schwieriger wird fit und gesund zu bleiben, mache ich mehr Sport, ernähre mich gesund und nehme sonst auch immer mehr gesunde Gewohnheiten an.
  • Ich habe mir eine neue Bucketliste geschrieben, die alte war schon viel zu schnell erfüllt worden
  • Ich fange jeden Tag aufs Neue an mich mit jungen Menschen anzufreunden, weil ich möglichst viele Menschen auf meiner Beerdigung haben will.
  • Ich versuche meinen Freunden und meiner Familie viel gutes zu tun, damit sie mich überleben. Immerhin ist auch Abschied nehmen anstrengend.
  • Ich stelle mir nun regelmässig meine eigene Beerdigung vor, frage mich wer da wohl hinkommt, was bestimmte Personen über mich sagen werden, was für Musik gespielt wird und ob’s danach Stress wegen mir geben wird oder nicht. 

Für mich persönlich ist das eine äußerst amüsante und motivierende Vorstellung, auch wenn ich nachvollziehen kann, dass dies vielen Menschen grotesk erscheint. 

 

Du sollst langfristig denken!

Stell dir doch auch mal vor wie es wäre, wenn du heute schon wüsstest, dass dein Leben sich auf 100 Jahre strecken wird.

Nun was passieren würde, wäre Folgendes: 

  • Du hast ein klares Ende vor Augen, du bist dir bewusst, dass dieses Leben irgendwann nicht mehr da sein wird
  • Du kannst dich emotional auf Verluste einstellen, du weisst, dass Menschen in dein Leben kommen werden und auch wieder gehen.
  • Du weisst, wieviel Zeit du hast, um die Dinge zu tun, die du im Leben tun willst.
  • Du weisst was du bis wann erreichen willst, aber auch, dass du im Zweifel noch ein wenig mehr Zeit für das ein oder andere Thema hast.
  • Du weisst, was du der Welt, die nach uns kommt hinterlassen willst (das darf auch „gar nichts“ sein)
  • Deine Angst vor Verlusten wird kleiner. Du gehst mehr Risiken ein, weil du weisst, dass noch genug Zeit bleibt um im Zweifel etwas wieder gut zu machen. 
  • Du verschwendest keine Zeit mehr für unwichtiges, weil du eine klare Vorstellung von deiner Zukunft hast
  • Du nimmst mehr Ruhe an für all jenes, was im Moment zwar wichtig erscheint, aber in der langen Frist kaum Auswirkungen auf dich hat.
  • Stress wird dein Gegenspieler. Du wirst ihm ausweichen wollen, statt dich von ihm führen zu lassen. 
  • Ergo, erlernst du Gelassenheit. Dich hauen kleine Windböhen nicht mehr vom Hocker, dein Blick weitet sich. 
  • Deine Einstellung zum jetzigen Moment verändert sich. Du weisst, dass er schon vorbei ist wo du diesen Text liest, niemals wiederkommt und doch schon da war. Du weisst ihn zu schätzen und freust dich doch schon auf den nächsten. Du weisst, dass es noch viele davon geben wird, aber jeder für sich einzigartig bleibt.

Fakt ist aber auch, dass es für meine oben genannte Hypothese 100 Jahre alt zu werden noch keinerlei Beleg gibt. Vielleicht sterbe ich morgen, vielleicht mit 44 wie mein Vater oder vielleicht werde ich auch 104 wie mein Urgrossvater. Es gibt sogar Menschen, die behaupten, dass wir demnächst die Unsterblichkeit erlangen werden. Was ich sagen will ist letztendlich, dass wir nur wissen, dass wir nicht wissen wie lange es geht, wieviele Momente noch kommen und gehen dürfen.

Du sollst lernen mit Unsicherheit und Unwissen umzugehen!

Na hier kommt nun die liebe Achtsamkeit ins Spiel. Der Grund, dass uns dieses Unwissen tangiert liegt etwas tiefer. Es sind unerfüllte Wünsche und Träume oder auch Themen, mit denen wir noch nicht abgeschlossen haben. Denn wenn wir mit uns vollkommen im Reinen wären, dann hätten wir gegenüber dem Tod auch keine Emotionen. 

Aus meiner Sicht wird der Mensch diesen Zustand der absoluten Gleichgültigkeit nicht erreichen, solange er Lebenskraft in sich trägt. Er wird den Tod stattdessen eher als Antagonisten betrachten, als Motivation dazu verborgene Wünsche und Träume aufzudecken und in die Tat umzusetzen. Von daher kann es etwas unfassbar Befreiendes sein, in diese Unsicherheit und unwohlen Gefühle hineinzugehen. Denn daraus ergibt sich, nach einer gewissen Zeit der Paralyse, ein konkreter Plan, eine Motivation etwas bestimmtes zu tun. Bis dann womöglich irgendwann wieder ein Gefühl der Gleichgültigkeit eintritt. Aber nur, um von neuen Träume und Wünschen abgelöst zu werden.

Du sollst zur Ruhe kommen!

Um in diese Selbstanalyse zu kommen und sich dieser Wünsche und Träume bewusst zu werden, kann man vieles tun. Was nicht hilft, ist aber sich mit anderen Menschen zu vergleichen, Soziale Medien, Netflix, Werbung oder sonstiges zu konsumieren. Manchmal hilft es nichtmal in seiner Vergangenheit zu forschen. Was wirklich hilft ist Ruhe, Zeit, Meditation, Gedanken sortieren und aufzuschreiben was man selbst will. 

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