Was du tun kannst, wenn du dich unwürdig fühlst

Es war einmal ein kleines Mädchen, das einen Vater hatte, der ihr von klein auf sagte, dass sie nicht gut genug sei. Nicht mit Worten, aber durch Taten – indem er sie kritisierte, anmotzte, ungeduldig wurde oder sie ignorierte.

Dieses Mädchen wuchs zu einer Frau heran, wissend, dass sie es nicht wert war erfolgreich zu sein, Dank zu erhalten und geliebt zu werden.

Dieses Mädchen, als Erwachsene, bekam einen Job, aber dachte nicht, dass sie gut genug für diesen war. Sie spielte ein Spiel mit, immer in Angst, dass das jemand herausfinden könnte, dass sie entlassen werde oder gemobbt. Sie versuchte sich zu verstecken, sich nicht ins Rampenlicht zu drängen, denn dann würde ja jeder ihre Wertlosigkeit erkennen.

Sie hatte immer Angst, dass jemand ihr beim Scheitern zusehen würde. Darum hielt sie sich zurück, ganz vorsichtig tat sie einfach gar nichts. Sie ergriff nicht die Initiative, und ergab sich immer weiter ihrer eigenen Prokrastination. Und so wurde das ihr Leben, eines welches auch ihre Gesundheit, Finanzen und Beziehungen beeinflusste.

Dieses Mädchen, welches nun eine junge Erwachsene war, hatte mehrere langjährige Beziehungen, immer in der Hoffnung, dass sie jemand glücklich machen würde. Sie glaubte aber nie, dass es ihr möglich war, andere glücklich zu machen, geschweige denn sie zu lieben, denn sie wusste bereits, dass sie dessen nicht würdig war. Aber ganz vielleicht, wenn sie wirklich nett zu allen war, und nur die guten Seiten von sich selbst zeigen würde, dann würden andere ihre Meinung womöglich ändern. Und so kam es, dass sie nie wirklich ehrlich war, nie wirkliche Intimität erfuhr. Sie zeigte stets nur gewisse Teile von sich, um die Liebe anderer für sich zu gewinnen.

Sie stand jederzeit für andere bereit, auch dann wenn diese herausfanden wie scheinbar schlecht sie war. Oder sie verschwand schon früher, um sie daran zu hindern dies herauszufinden. Und selbst wenn diese Menschen nicht gingen, war sie nur halbherzig bei der Sache, immer mit einem Fuss in der Tür. Und tatsächlich spürten das auch die anderen, wie schwer es ihr fiel sich wirklich auf etwas einzulassen.

Dies galt für jede Freundschaft und jede professionelle Beziehung. Sie war nie wirklich ganz bei der Sache. Nie wirklich ehrlich, denn sie konnte sich nie wirklich zeigen. Immer ängstlich was andere über sie und ihren Wert denken könnten und zugleich immer dabei ihren Wert beweisen zu wollen.

Das ist die Geschichte der Unwürdigkeit. Und sie ist ziemlich Allgemeingültig.

 

Mein inneres Narativ der Unwürdigkeit

Dies ist eines meiner am längsten währenden inneren Narrative. Dass ich nicht gut genug bin, dass ich es nicht wert bin mich zu zeigen, Bücher zu schreiben, Menschen zu helfen oder einfach meinen eigenen Weg zu gehen.

Und, so scheint mir, ist dies auch die Geschichte vieler anderer Frauen und Männer.

Wir sind es nicht wert, egal wieviel Arbeit wir in diese Welt stecken, um sie ein Stück besser zu machen. Sei es indem wir eine Gemeinschaft oder ein Team führen oder etwas wunderbares kreieren. Wir scheinen den Erfolg nie verdient zu haben, nicht das Glück das darin steckt, den Frieden oder den finanziellen Komfort, keine liebende Beziehung. Wir scheinen der Liebe nicht würdig zu sein.

Wir sind nicht gut genug. Nicht gut genug unsere innersten Hemmnisse zu überwinden, unsere Süchte und Gewohnheiten zu verändern. Wir sind es nicht wert unsere Texte oder Kunst zu veröffentlichen, anderen unsere Errungenschaften zu zeigen, nicht gut genug ein Buch zu schreiben, einen Podcast zu starten, Videos auf Youtube hochzuladen, ein Online Business zu starten oder eine NGO, ein Start-Up aufzubauen oder uns selbst jegliche Hardskills beizubringen um unseren Traum zu verwirklichen.

Wir sind nicht gut genug, es nicht wert.

 

Das große Geheimnis

Und hier kommt das Ding: es ist einfach nur eine Geschichte, nicht wahr? Es ist ein Narrativ in unserem Kopf, das wir immer wieder abspielen, bis es uns bis zur Unterwürfigkeit fertig macht.

Diese Gedanken sind nicht wahr. Es gibt so etwas wie ein eindeutiges Gericht im Himmel nicht, das über uns urteilt und uns sagt was wir wert zu sein haben. Wir haben diese Geschichte vor langer Zeit erfunden und suchen nun nach jedem möglichen Beweis, diese zu untermauern. Wenn jemand etwas sehr kritisches sagt, dann nehmen wir es uns sehr zu Herzen und sehen es als Beweis, dass wir nicht gut genug sind.

Dieses Narrativ ist nicht wahr. Und schlimmer noch, es fügt jedem Teil unseres Lebens Schaden zu. Es bedeutet, dass wir in jeglichen Beziehungen nur halb bei der Sache sind, uns verstecken, nicht ehrlich sind, nie voll im Vertrauen. Es macht uns ängstlich, insbesondere davor zu scheitern und uns gegenüber anderen zu öffnen. Und selbst wenn wir uns da draußen zeigen, dann ist es ein Schauspiel, mit welchem wir versuchen unseren eigenen Wert zu beweisen. Es hält uns zurück. Es führt zu Prokrastination. Es schadet unserer Gesundheit. Es macht uns unglücklich.

Das ist das Narrativ der Unwürdigkeit. Es ist falsch und es schmerzt zu tiefst.

Verlerne die Geschichte

Wie hören wir also auf dieser Lüge Glauben zu schenken? Einer Geschichte, die so tief geht, dass wir sie oft nicht bewusst wahrnehmen?

Ich will dir hier zwei Übungen mitgeben, die mir geholfen haben die Geschichte aufzulösen, selbst wenn sie manchmal noch zurückgeschlichen kommt, wenn ich nicht aufpasse.

Die erste Übung: schreibe ein Mantra auf und wiederhole es.

Ich mache das, wenn mein Narrativ der Unwürdigkeit mal wieder hochkommt, beispielsweise, dass ich kein Buch schreiben oder in der Öffentlichkeit sprechen kann.

Wenn ich einen Text schreibe, dann wiederholt sich das Narrativ in etwa wie folgt: „kein Mensch wird diesen Text lesen, geschweige denn ihn gut finden, das wird furchtbar.“ Und genau das macht es noch viel schwieriger etwas zu Text zu bekommen, stattdessen werde ich dann unfassbar gut darin meine Wäsche zu waschen ;).

Wenn ich irgendwo einen Vortrag halten soll, dann scheint das noch ok zu sein, wenn es Monate weit weg ist. Aber je näher der Tag kommt, desto unruhiger werde ich und ich stelle dann meine mentale Gesundheit in Frage: „Warum habe ich denn dazu Ja gesagt? Kein Mensch will hören was ich zu sagen habe“.

Und so kam es vor kurzem, dass ich mir ein Mantra gegeben habe, um die Welt in einem anderen Blickwinkel zu betrachten:

„ Die Welt sehnt sich nach dir und du bist ein Geschenk.“

Ich wiederhole das nun täglich mehrmals, insbesondere dann wenn ich mein Herz vor Aufregung schneller schlagen spüre. Immer und immer wieder, bis ich es selbst glaube. Ja es klingt total kitschig und trotzdem funktioniert es. Denn dann beginne ich genau dazu nach Beweisen zu suchen. Ich ignoriere dann das alte Narrativ.

Die zweite Übung: die magische Frage.

Das ist absolute Magie und so funktioniert es:

Ich nehme das Narrativ wahr. Ich merke wie es sich anfühlt – ich fühle mich mies, habe Angst, prokrastiniere, verstecke mich.  Und dann frage ich mich selbst:

„Wie wäre ich, wenn ich diese Geschichte nicht im Kopf hätte?“

Für mich ist das eine magische Frage. Ich stelle mir dann vor wie dieser Moment sein würde, wenn das Narrativ nicht da wäre. Und ganz plötzlich komme ich ganz in den Moment – ich nehme wahr wie sich mein Körper anfühlt, was in meinem Umfeld passiert, ich bemerke die Empfindungen der Luft auf meiner Haut und das Licht im Raum, die Geräusche um mich herum.

Und ganz plötzlich nimmt mich dieser Moment vollkommen ein, ich befreie mich vom Narrativ. Ich bin frei. Ich bin im Frieden. Mein Herz öffnet sich für den Moment, für die Schönheit der Person gegenüber von mir (wenn da eine Person ist) oder mir selbst gegenüber. Was für ein unfassbares Geschenk das ist, sich einfach von einer Geschichte lösen zu können und ganz im Moment zu sein. In der Liebe dazu wie die Dinge sind, in Liebe mit mir selbst und anderen Menschen.

 

Indem das kleine Mädchen dieses neue Mantra und die magische Frage übt, wird es frei von der alten Geschichte. Es kann wieder wie wild durch den Dschungel des Lebens laufen, glücklich und aufgeweckt.

 

 

Ein Buch, das hier ganz wunderbar rein passt ist “Das Kind in dir muss Heimat finden” von Stefanie Stahl.

2 Antworten auf “Wie du falsche Narrative auflöst”

  1. Oh vielen Dank für diese wundervolle Erzählung. Das Mantra male ich mir gleich in Kopf, Herz und Bauch 🙂 Erdbeeren sind gepflückt, der Garten schön und gebügelt, aber das was ich machen wollte ist halb liegen geblieben. Danke fürs Teilen!

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